Engelke Gerrit


Geboren: 21. Oktober 1890, Hannover, Deutschland

Gestorben: 13. Oktober 1918, Cambrai, Frankreich

Bücher: Kurze Prosa, mehr...



Engelke Gerrit deutlich zeitbezogene Dichtung gibt seinem Werk innerhalb der Arbeiterdichtung eine Sonderstellung. Er fängt die Zeitstimmung auf einzigartige Weise ein in seinen lyrischen Zeugnissen zu Großstadt und Technik. Er verzichtet auf tradierte künstlerische Möglichkeiten und entwickelt neue Formen, seine erlebten Welten sprachlich zu fassen. Doch wie die anderen Arbeiterdichter auch Karl Bröger, Heinrich Lersch, Ernst Preczang, Bruno Schönlank zog er sich auf politisch unverbindliche Positionen zurück. Ob sich der früh Verstorbene anders als die Genannten entwickelt hätte, bleibt Spekulation. Gedichte aus seiner Sammlung Rhythmus des neuen Europa wurden von Julius Gatter aus Plauen Lehrer von Johannes Petzold für Sopran- und Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester komponiert.






Das Kuß-Gedicht 

Der Menschheit größter Hochgenuß ist ohne Zweifel wohl der Kuß.

Er ist beliebt, er macht vergnügt, ob man ihn gibt, ob man ihn kriegt.

Er kostet nichts, ist unverbindlich und er vollzieht sich immer mündlich.

Hat man die Absicht, daß man küßt, so muß man erst mit Macht und List den Abstand

zu verringern trachten und dann mit Blicken zärtlich schmachten.

Die Blicke werden tief und tiefer, es nähern sich die Unterkiefer. man pflegt dann mit geschloß'nen Augen

sich aneinander festzusaugen. Jedoch nicht nur der Mund allein braucht eines Kusses Ziel zu sein.

Man küßt die Wange und die Hände und auch noch and're Gegenstände,

die ringsherum mit Vorbedacht sämtlich am Körper angebracht. Auch wie man küßt,

das ist verschieden Im Norden, Osten, Westen, Süden. So mit Bedacht und mit Gefühl,

der eine heiß, der and're kühl. Der eine haucht, der and're schmatzt, als ob ein alter Reifen platzt.

Hingegen wiederum der Keusche vermeidet jegliche Geräusche. Der eine kurz, der and're länger,

den längsten nennt man Dauerbrenner. Ein Kuß ist, wenn zwei Lippenlappen in Liebe

aufeinanderklappen und dabei ein Geräusch entsteht, als wenn die Kuh durch Matsche geht.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Der Tod im Schacht 

Zweihundert Männer sind in den Schacht gefahren. Mütter drängen sich oben in Scharen.

Rauch steigt aus dem Schacht. Die Kohlenwälder nachtunten glühen, urwilde Sonnenfeuer sprühen.

Rauch steigt aus dem Schacht. Retter sind hinabgestiegen, kamen nicht wieder, sie blieben liegen.

Rauch steigt aus dem Schacht. Der Brandschlund frißt seine Opfer und lauert.

Die brennenden Stollen werden zugemauert. Rauch steigt aus dem Schacht.

Zweihundert waren in den Schacht gefahren. Mütter weinen an leeren Bahren.

Rauch steigt aus dem Schacht.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Herbst 

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf. Felder gilben, Wälder ächzen überall.

Wie Blätter fallen draußen alle Tage, Vom Zeitwind weggeweht. Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,

Ob draußen tost Vergänglichkeit, Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:

Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Schlummermelodie 

Hängt ein Stern in der Nacht, Irgendwo Irrt ein Herz durch die Nacht Irgendwo Saust Wind im Wald,

Irgendwo Eulen-Schuhu hallt Irgendwo  Blüht ein Wunderbaum Irgendwo In einem Traum Irgendwo Hängt

ein Stern in der Nacht, Irgendwo Golden ist der Mond erwacht Irgendwo  Irgendwo.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Zu viele Menschen, zu viele Straßen 

. . . denke so – daß du mit vielen Leuten Durch die Straßen gehst Vor diesem Laden stehst Unter vielen,

fremden Leuten  Daß du im Alltagseinerlei In Menschenrudeln Durch die Straßenstrudel Dahingetrieben

Immer an mir vorbei  …denke so daß zu viele Menschen Durch die Straßen

gehn Daß die Straßen alle auseinander zweigen Daß Wir uns nie im Abendschweigen

In einer Gasse wiedersehn.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Ich möchte in dir hochwellen Grüner Baum! Ich möchte treibfroh in deinen Markzellen

Aufschwellen Bis in den Wipfeltraum Lichtoben Ich möchte in die Lichtweiten Hundert Arme

breiten Wie Zweige Armzweige mit Blätterfingern Und dann fühlen wie Mittagsgluten,

Wie Lichtfluten Durch sie schlingern Ich möchte aus deinem Wirbelkopf, Lebensbaum,

aus dem Laubtraum Wie Lichtgetropf, Wie Windsingen Mich aufschwingen In den Weltraum!

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Ich will heraus aus dieser Stadt 

Ich weiß, daß Berge auf mich warten, Draußen weit Und Wald und Winterfeld

und Wiesengarten Voll Gotteseinsamkeit Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,

So lange schon Daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt den Ewig Ton Fühle,

daß nachts Wolken schwellen, Bäume, Daß Ebenen, Gebirge wellen In meine Träume Die Winterberge,

meine Berge tönen Wälder sind verschneit Ich will hinaus, mit euch mich zu versöhnen!

Ich will heraus aus dieser Zeit, Hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen, Straßenbraus Die Waldberge,

die Waldberge rufen, Locken mich hinaus!  Bald hab ich diese Straßenwochen,

Bald diesen Stadtbann aufgebrochen Und ziehe hin,

wo Ströme durch die Ewig Erde pochen, Ziehe selig in die Welt!

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Das Weltrad 

Das Weltrad saust, Ich sause mit! Es schüttert, schleudert, rast, braust Pfeifendschrill Ich schleudere, rase,

brause mit Weil ich will! weil ich will!  Ich geh täglich meine mühsamen Schritte,

Doch zu wirbelndem Fluge Im Zeit-Zuge Reißt mich des Weltrades Kraftmitte Vorwärts! 

Das Weltradsausen singt, Der unaufhörlich große Ton bezwingt Mich in den Rasekreis:

Das ist mein Schicksalsbeschluß, Das ist alles, was ich weiß:

Daß ich mitsausen, Daß ich mitbrausen Muß!

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






An den Tod 

Mich aber schone, Tod, Mir dampft noch Jugend blutstromrot, Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,

Noch ist die Zukunft dunstverhüllt Drum schone mich, Tod. Wenn später einst, Tod,

Mein Leben verlebt ist, verloht Ins Werk wenn das müde Herz sich neigt,

Wenn die Welt mir schweigt, Dann trage mich fort, Tod.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover






Am Meerufer 

Und Welle kommt und Welle flieht, Und der Wind stürzt sein Lied,

Schaumwasser spielt an deine Schuhe Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin, Und aller Himmel blüht darin. Mit welcher Welle willst du treiben?

Es wird nicht immer Mittag bleiben.  Es braust ein Meer zur Ewigkeit,

In Glanz und Macht und Schweigezeit, Und niemand weiß wie weit

Und einmal kommst du dort zur Ruh, Lebenswandrer, Du.

Gerrit Engelke

(1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover







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