Baumfeld Lisa


Geboren: 27. April 1877, Wien, Österreich

Gestorben: 3. Februar 1897, Wien, Österreich



Baumfeld Lisa schrieb im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal Gedichte, die unter den Pseudonymen Ewald Bergen und Lizzy in Wiener Zeitschriften wie Gesellschaft (1895) und Wiener Mode (1896) veröffentlicht wurden. Zeitgenossen lobten ihr ungewöhnliches poetisches Talent und ihre Gedichte, welche durch die Schönheit der Sprache und Formvollendung auffielen. Dichter Adolf Bartels kritisierte ihre Dichtung, wie auch die Hugo von Hofmannsthals, als zu kompliziert und unanschaulich: Trotzdem wollte ich doch, daß ihr und Hofmannsthals Stil erst überwunden wäre, im Grunde leben wir Deutschen ja doch nicht in orientalischen Palästen, deren Wände durch verwirrendes Arabeskengekräusel, deren Fußböden durch farbenprächtige Teppiche ohne klare Zeichnung verdeckt sind.  Baumfeld erkrankte schwer und verstarb innerhalb weniger Tage im Alter von 19 Jahren in Wien.

 





Erstarrt 
Gebannt in dumpfes Nichts lag meine Seele Rings flammte Lieb' und

Sommer in den Kelchen, Rings blühten duftig die Gedichte auf.

Doch meine Seele schlich erblindet, träge Und todt durch goldigblonde Rhythmen hin.

Durch aller Räthsel ahnungsvolles Raunen Gespensterkühl matt und verständnislos.

Gebannt in dumpfes Nichts lag meine Seele. Da kam ihr plötzlich … langersehnt …

der jähe Urtiefe Schmerz, der sie befreien soll. Er soll mit Blitzesbrand mein Herz erschüttern,

Er soll versengen, daß aus grauem Schutt Die neue Blüte

blaß und düfteschwer Emportaucht … Endlich! weine, meine Seele! 

Sie weinte nicht … die schweren Flügel zuckten, Dann stöhnte sie ein wenig und

sie schwieg …  Es kam kein Blitz … Nur Kälte … Kälte … Kälte… Daß alle Thränen ihr in Eis erstarrt…

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin






Herbst 

... Und plötzlich sind die warmen Rosenmädchen Zu Georginen, hart und müd' verblaßt

... Die Sonne zündet ihre Märchenfackel Noch einmal blendend an, und festlich schwebt

Die lichte Sonnenlüge durch die Lüfte, Und träufelt gold'nes Blut in jedes Blatt Und träufelt gold'nes Blut in meine Seele

...  Noch einmal liegt der grüne See verträumt Und streut mir lächelnd klares Schaumgeschmeide

... Die Gletscher leuchten, wundersam entfacht, Entbrannt im Abend

... schöne Feenpaläste Die aufwärts locken aufwärts! 

Und sie sind Aus bläulichem Krystall, und traumgewobenen Opalen und aus flüssigem Rubin

... Die Sonne zündet ihre Märchenfackel Noch einmal an,

und freudeschluchzend ringt Das hohe Lied des reifen gold'nen Lebens Sich noch einmal empor

...  Doch schwarz und schweigend Naht sich die Wolkennacht

... Und lautlos wird Von ihrem Hauch die Sonnenfackel sterben Und rings wird Nacht sein.

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin





 

Ich brauche Menschen ... 

Ich brauche Menschen! Ja in hellen Zimmern, Erfüllt von Düften, Lächeln, Fächeln, Flimmern, Wo schlank geformt 

leichtwiegende Gedanken Von Mund zu Mund sich lachend, blühend ranken!  Ich brauche Menschen ...

seid'ner Schleifen Rauschen Und Blicke, die sich sorglos spielend tauschen, Und Worte,

die ob tausend Kelchen schweifen Und manchmal scheue, süße Beeren streifen

Und Töne, die wie flücht'ge Küsse drängen Und sich an lauschend bange Ohren hängen

Und bunte Wolken in die Blicke stäuben Und blenden, schmeicheln, lügen und betäuben Und all das Leere,

Schwere überhallen ...   Stöhnst du, mein Herz, daß wir so tief gefallen?

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin






Sehnsucht 

Du hast dereinst in heißen Stunden Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden,

Oft glühend begehrendes, drängendes Brennen, Den ewigen Urquell des Seins zu erkennen Und lichtgesättigt …

erkennend vergeh'n …  Du hast oft dämm'rig verträumtes Weh'n Und leises,

lindlallendes Sehnen erfühlt Nach mildem Balsam, der Wunden kühlt, Nach schlummernder,

stillender Friedensnacht …  Dann wolltest du duftende, klingende Pracht Und ewiger Schönheit

berauschende Flut Und ewiger Liebe beglückende Glut …

Und immer hast du dich gesehnt und gequält nach dem Einzigen, Einen, das immer dir fehlt',

Und hast dereinst in heißen Stunden Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden

…  Das ist vorbei … du bist so stille! Verstummt all dein irrender, rastloser Wille, Verstummt ist das alte,

süß-traurige Lied, Das dich so oft gequält, gemüht, Und endlich magst du glücklich sein! 

Doch meine Seele seufzet: – Nein, Mir ist so eisig, eisig kalt! Ich wollt', sie käme wieder bald!

Das schmächtige, duftige, todkranke Weib, Mit ewig verlangendem, bebendem Leib Und ewig verlangenden,

schmerzlichen Blicken … Denn Schmerz und Verlangen ist höchstes Entzücken …

Und süßer Genuß sind todtraurige Lieder … Ich sehne, ich sehne nach Sehnsucht mich wieder!

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin






Sommertraum 

Golddurchflammte Ätherwogen, Schwerer Äste grüne Bogen, Süß verwob'ne Träumerei'n…

Sommer, deine warmen Farben, Helle Blumen, gold'ne Garben Leuchten mir ins Herz hinein…

In dem Wald, dem dämm'rig düstern, Hörst du's rauschen, lispeln, flüstern,

Elfenmärchen – Duft und Schaum…? Blumenkinder nicken leise,

Lauschen fromm der alten Weise Von des Waldes Sommertraum… 

Und der See, der windumfächelt Lallend plätschert, sonnig lächelt, Netzt das Schilf aus lauem Born…

Rosen blühen am Gelände, Rosenglut, wo ich mich wende, Und im Herzen tief ein Dorn…

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin






Du sagtest mir in jener Stunde Daß meine Seele reich ist… Ich glaube fast,

daß mir im Grunde Nur alles, alles gleich ist.  Ich freu' mich jeder Seelenblüte,

Die fremden Athem haucht, Seit jeder Kelch, der mir entglühte, Erstarrt ist und verraucht… 

Und fremde Blumen muß ich warten,Das lag mir einst so fern! …

Weil ich den eig'nen, todten Garten Vergessen will, so gern!

Lisa Baumfeld

(1877 - 1897), österreichische Dichterin







Seite 1 von 1